Eine Uhr und seine Legende

Hat Henlein nun das Ei erfunden oder nicht?
Eine Frage, die sich wohl nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen nur im Stil von Galileo Mystery beantworten lässt: Möglich ist es. Oder wie es Radio Eriwan vermutlich gesagt hätte: Ja, aber es war nicht das Ei.
Ein Ei war es sowieso nicht, denn die traditionelle Bezeichnung „Nürnberger Ei“ für die Peter Henlein zugeschriebene Erfindung geht nicht auf das Hühnerprodukt zurück, sondern auf die Verniedlichung Ührlein, bzw. Aeurlein, woraus die Kurzform Ei wurde. Nürnberg war die Stadt, in der der Meister (Urkunde erteilt am 16. November 1509) des Schlosserhandwerks lebte und werkelte. Dass die ab Mitte des 16. Jahrhunderts vielfach produzierte und verkaufte Uhrenform „Nürnberger Ei“ tatsächlich auf Henlein zurückzuführen ist, wird inzwischen allgemein bezweifelt, da die typische Henlein-Uhr wie ein Zylinder geformt war.
Allerdings tauchte unlängst eine Uhr auf, dessen Gehäuse der Form des Bisamapfels entspricht. Nach gründlicher Untersuchung und Reinigung der Uhr konnte die Abbildung des Nürnberger Gefängnisturms und die Inschrift MDV PHN (lat. 1505; Peter Henlein Nürnberg) entdeckt werden. Ob diese Ur-Uhrform zur Bezeichnung Nürnberger Ei führte, ist unklar.
Unklar ist auch, ob Henlein, wie lange behauptet, der Erfinder der tragbaren Uhr ist. So konnte Enrico Morpurgo nachweisen, dass auf Gemälden des ausgehenden 15. Jahrhunderts, also vor Henlein, Menschen mit tragbaren Uhren (französisch: montre fantaisie) abgebildet waren. Ob dies allerdings eine Tatsachendarstellung oder sozusagen Science Fiktion war, die Henlein zur Entwicklung der tragbaren Uhr animierte, ist ebenfalls nicht zweifelsfrei geklärt.
In diesem Zusammenhang ist auch die Herangehensweise der Forschung mit kritischen Augen zu betrachten. In unserer heutigen Zeit ist die Frage nach „tragbar“ eine völlig andere als zur damaligen Zeit. Die ersten „Schlepptopps“ der 1990er Jahre galten zwar als tragbare Computer, waren aber bei weitem unhandlicher als manche PCs aus den 1980er Jahren. Ein normaler Arbeitsplatzdrucker ist tragbar, gilt aber nicht als tragbar. Ein möglicherweise schwerer Fotodrucker inklusive Akku wird als tragbar bzw. mobil bezeichnet. Eine Standuhr kann man genauso tragen wie einen LKW, man braucht nur genügend Helfer. Es ist unwahrscheinlich, dass Henlein oder andere zur damaligen Zeit gezielt nach der am Körper bequem zu tragenden Uhr geforscht haben. Fortlaufende Entwicklungsarbeit sorgte dafür, dass möglichst alle Bauteile der Uhr immer kleiner wurden und irgendwann erlaubte das Gesamtgebilde den Bau der Taschenuhr. Später, mit der Erfindung des Glasdeckels (Ende 17.Jh.), konnte auch die Armbanduhr verwirklicht werden.


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